Zeitungsartikel: „Unsere Jugend schuf sich einen Schießstand“

VON JOHANNES NIEHAUS, SANDRA SCHULTE, JENS HOFFMANN

Feierliche Eröffnung durch Bannführer Marschall-Lingen. Heißes Ringen um die Ehrenpreise im Manschafts- und Einzel-Wettkampf

Aus eigenem Antrieb und unter tatkräftigem Zugreifen hat die HJ.-Gefolgschaft 17/148 Bentheim auf der Müst einen neuen Schießstand geschaffen, der am gestrigen Sonntag durch Bannführer Marschall-Lingen in feierlicher Weise eröffnet wurde. In seiner Ansprache wies der Bannführer darauf hin, daß aus einem nicht mehr zeitgemäßen Stande ein Schießstand errichtet wurde, der der Hitlerjugend die Möglichkeit gebe, sich im Kleinkaliberschießen auszubilden. Vor einigen Wochen sei die HJ.-Schießschule eröffnet, durch die die Jungen ihre Ausrichtung erfahren und somit ein guter Nachwuchs sichergestellt sein werde. Jeder Junge müsse es soweit bringen, daß er mit der Kleinkaliberbüchse umzugehen verstehe, und das Ziel aller müsse sein, das HJ.-Schießabzeichen zu erringen. Nach der Flaggenhissung, dem Gruß an den Führer und dem Gesang der Nationallieder setzte sogleich der Manschafts-Wettkampf ein, an dem nicht weniger als 19 Manschaften beteiligt waren. Jede Mannschaft bestand aus einem Führer und drei Mann. Geschossen wurde auf 1-cm-12er-Brustringscheiben auf 50 Meter Entfernung. Jeder Schütze hatte je zwei Schuß liegend, kniend und stehend freihändig abzugeben; dazu war ihm ein Probeschuss gewährt. Landrat SA.-Oberführer Rosenhagen hatte für die beste Mannschaft und für den besten Schützen aus dem sich anschließenden Einzelwettkampf je einen Ehrenpreis, bronzene Führerplakette, gestiftet. Weiter waren noch eine Reihe schöner Preise von anderen Schützen zur Verfügung gestellt worden. In Folge der starken Beteiligung am Mannschafts-Wettkampf zog sich dieses Schießen über drei Stunden hin und unter den guten und schießfreudigen Schützen entbrannte ein heißer Streit der Büchsen. Die höchste Ringzahl erreichte die Mannschaft des Zollamts Bentheim, die damit den Ehrenpreis des Landrats erhielt. Weitere Preise vielen der Mannschaft des NSKK., der SA 21/62 und der SA 25/62 zu. Bei dem Einzel-Wettkampf wurde mit Kleinkaliberbüchsen (5 Schuß liegend freihändig) und Luftgewehren (3 Schuss stehend freihändig) geschossen. Auch hier war der Zuspruch groß, und der Tag begann sich bereits zu neigen, als die Unentwegten immer noch versuchten, ihre Position zu verbessern. Die erzielten Ergebnisse waren auch in diesem Schießen gut. Den ersten Preis (Ehrenpreis des Landrats) erwarb Herr G. Krabbe, den zweiten Herr Petersen, den dritten Herr Kruß und den vierten Herr Weiß. Bei dem Schießen mit dem Luftgewehr gelangten ebenfalls vier Preise zur Verteilung, in die sich die Herren Kruß, Momberger, Somberg und Otte teilten. […]“

Auszug aus der Bentheimer Zeitung vom 12.10.1937

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Die Hitlerjugend am Ende des Krieges

VON JOHANNES NIEHAUS, SANDRA SCHULTE, JENS HOFFMANN

Da der Krieg immer näher rückte, veränderten sich auch die Aufgaben und die Organisation der Hitlerjugend. Jugendliche ab 16 Jahren wurden für den Kriegsdienst eingezogen. Das hatte zur Folge, dass die eigentliche Hitlerjugend zusammenbrach und nun nur noch das Jungvolk bestehen blieb. Weiter musste die Organisation des Jungvolkes verändert werden, weil die meisten Gruppenleiter abgezogen wurden. Die frei gewordenen Posten wurden meist von Jüngeren aus dem Jungvolk selbst besetzt. Wie schon erwähnt, kam auch Herr Kipp so an seinen Posten.
Die Aufgaben wurden immer mehr auf den Krieg abgestimmt, so dass sie teilweise sogar Aufgaben von Soldaten übernahmen. So mussten sie mit dem Heranrücken der Front zum Beispiel Verteidigungsanlagen errichten. Das geschah auch in Bardel. Dort kamen im Herbst 1944 über 300 Jugendliche im Alter von 14 bis 16 Jahren zusammen. Sie sollten dort Zwangsarbeiter bei der Errichtung von Panzer- und Schützengräben unterstützen. Dabei wurden sie im Kloster Bardel, das kurzfristig von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurde, untergebracht und verpflegt. Sie blieben dort die ganze Woche und kamen nur am Wochenende nach Hause. Die eigentlich ansässigen Mönche wurden vertrieben. Neben der Arbeit an den Gräben wurden die Jugendlichen auch weiter militärisch ausgebildet [Vgl. Zeitungsartikel: „Schanzen für das Vaterland“ Grafschafter Nachrichten Oktober 2004].
Ein weiterer Versuch diese Ausbildung auszubauen wurde Anfang 1945 gestartet. Der Bannführer Krabbe ließ verkünden, dass sich alle Jugendlichen für eine Verschickung nach Schleswig-Holstein zu melden hätten. Dort sollte offiziell, fern ab der Front, für ihre Sicherheit gesorgt sein. Doch nur noch wenige kamen dieser Anweisung nach. Die meisten Eltern sahen das nahende Ende und behielten ihre Kinder zu Hause. Dennoch gab es in Bad Bentheim eine Gruppe von 50 Jugendlichen, die dem Aufruf Folge leisteten [Vgl. Titz, Hubert (Hg): Bad Bentheim – Aspekte einer Stadtgeschichte. 1. Aufl. – Bad Bentheim: Hellendoorn, 1996.]. Aus Neuenhaus hingegen kam laut Herrn Kip kein einziger dem Marschbefehl nach [Zeitzeugengespräch mit Herrn Kip, Recklinghausen 12.04.2008].
1945 gingen die Nationalsozialisten sogar soweit, dass sie die Jugendlichen in Panzerjagdkompanien einteilten. Auch Herr Kipp war in einer solchen Kompanie. Sie wurden mit Panzerfäusten ausgestattet und sollten für den Ernstfall einsatzbereit sein. Dieser Ernstfall trat kurz vor dem Ende des Krieges ein. Ein Spähpanzer der Kanadier wurde auf der Straße zwischen Neuenhaus und Nordhorn gesichtet. Nun bekam die Kompanie um Kip den Befehl, dem Panzer entgegenzufahren. Als Herr Kip dann dort auf dem Fahrrad seiner Mutter und mit der Panzerfaust auf dem Gepäckträger ankam, waren nur noch Reifenspuren zu finden und so fuhr er wieder nach Hause. Am nächsten Tag waren die Kanadier bereits vorbeigezogen und Neuenhaus besetzt.
Im Folgenden wurden die Fähnleinführer von den Kanadiern aufgesucht und verhaftet. Alle Waffen wurden eingesammelt, doch die meisten waren schon vorher von den Nationalsozialisten vergraben worden. Laut Herrn Kip hatten die Kanadier Angst, dass die von der Ideologie der Nationalsozialisten geprägten Hitlerjungen Schaden anrichten könnten. Dies war eher ungewöhnlich, ist aber darauf zurückzuführen, dass es kurze Zeit vorher in Sögel zu einem Anschlag durch Hitlerjungen gekommen war.
Daraufhin kam auch Herr Kip in Gefangenschaft und wurde, wie die meisten Verhafteten aus der Grafschaft, in ein belgisches Kriegsgefangenenlager gebracht, wo er die verbliebene Zeit des Krieges verbrachte.
Die Hitlerjugend war in der Grafschaft nach dem Einzug der Alliierten nicht mehr aktiv.D

Aufgaben der Hitlerjugend

VON JOHANNES NIEHAUS, SANDRA SCHULTE, JENS HOFFMANN

Die Aufgaben der Hitlerjugend waren bis auf wenige Ausnahmen ähnlich. Sie dienten alle der militärischen und ideologischen Ausbildung. Das lässt sich deutlich an den Berichten der Zeitzeugen erkennen. Marschieren, Salutieren und Antreten gehörten zum Pflichtprogramm. Herr Kip als Fähnleinführer war zum Beispiel für einen disziplinierten und vorschriftsmäßigen Ablauf der Treffen verantwortlich [Zeitzeugengespräch mit Herrn Kip, Recklinghausen 12.04.2008]. Zu jedem Treffen gehörten ein Fahnenappell und das Vorlesen aktueller Propagandaschriften. Die meiste restliche Zeit wurde mit Wehrertüchtigungsspielen verbracht, die der körperlichen Fitness dienten und spielerisch auf den Krieg vorbereiten sollten (vlg. hierzu den Zeitungsartikel: “Unsere Jugend schuf sich einen Schießstand”). Herr Feldkamp berichtet von seinem Leistungsbuch [Aus: Zeitzeugenbefragung von Titz, Hubert(1993): „Jugend im Dritten Reich“. In Bentheimer Jahr-buch 1994. Bad Bentheim (1994), Hellendorn: S. 181 ], in dem vermerkt wurde, wie er in den einzelnen Disziplinen abgeschnitten hatte. Zu diesen Disziplinen gehörten unter anderem ein Hundertmeterlauf, Weitsprung und Keulenwerfen, aber auch militärspezifische Übungen wie Kleinkaliber-Schießen, Geländekunde, Entfernungen schätzen, Tarnung und Sinnesschärfung. Darüber hinaus sollte jeder Jugendliche grundlegende geschichtliche Daten Deutschlands kennen, die eng mit den nationalsozialistischen Grundgedanken verknüpft waren. Antworten auf Fragen wie „Was weißt du über deine Heimat?“ oder „Welche Maßnahmen hat der nationalsozialistische Staat zur Reinerhaltung des deutschen Blutes getroffen, sprich Nürnberger Gesetze?“ wurden den Hitlerjungen abverlangt. Darüber hinaus organisierte die Hitlerjugend Zeltlager, wie das am Anfang erwähnte in Neuenhaus. Auch in diesen Zeltlagern ging es vor allem um die Vertiefung der eben genannten Disziplinen und Ideologien und um die Bildung eines Zusammengehörigkeitsgefühls. Weiter gab es auch feste Hitlerjugendheime, die nur von den Hitlerjugendgruppen der Grafschaft genutzt wurden. So gab es Wehrertüchtigungslager auf dem Isterberg und in Melle und auch das Kloster Frenswegen wurde zu einem Ausbildungslager, genannt „Hans-Queitsch-Heim“, umfunktioniert. Zu diesen Orten wurden die Jugendlichen dann mit der Bahn gebracht und verbrachten dort das Wochenende oder teilweise auch längere Zeiträume. In Frenswegen, erzählt Herr Kip, kam es einmal während des Krieges zu einer Vorführung einer Panzerfaust. Dabei schoss ein auf Grund einer Verletzung heimgekehrter Wehrmachtssoldat mit einer Panzerfaust auf einen alten, eisernen Ofen, um den Jugendlichen zu demonstrieren, wie sie mit einer Panzerfaust umzugehen hätten.
Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie die Ausbildung mit Ausbruch des Krieges immer militärischer wurde. So berichtet Herr Kip weiter, dass die Jungen im Winter 1943 mit Karabinern aus Italien ausgerüstet wurden, die dort, wegen des Austritts Italiens aus dem Krieg nach dem Einmarsch der Deutschen, nicht mehr zur Verwendung ka-men und sogar ihren Weg in die Grafschaft fanden.
Auch kamen zu den normalen Aufgaben wie das Durchführen von verschiedenen Sammlungen (Altkleider, Altmetall, etc.) neue hinzu. So musste Herr Kip in einem Ferienlager auf Norderney „Brombeerblätter für den Endsieg“ und andere Kräuter sammeln. Dabei wurden sie von Veteranen der Wehrmacht beaufsichtigt. Des Weiteren mussten sie auch hier militärische Übungen abhalten und zum Beispiel den Strand entlang robben, was laut Herrn Kip sogar den hartnäckigsten Anhängern der Hitlerjugend unter den Jugendlichen nicht sinnvoll erschien. Trotzdem waren die Jugendlichen zu dieser Zeit noch immer vom Endsieg und anderen Parolen, die ihnen eingebläut worden waren, überzeugt [Vgl. Zitat Herr Kip, Zeitzeugengespräch mit Herrn Kip, Recklinghausen 12.04.2008].
Es gab allerdings aus Sicht der Jugendlichen auch erfreulichere Veranstaltungen. Zu diesen zählten die Heimabende, die in den örtlichen Hitlerjugend-Heimen stattfanden. Dort wurde dann zum Beispiel mit den Mädchen des Bundes Deutscher Mä-del gesungen [Vgl. Aus: Zeitzeugenbefragung von Titz, Hubert(1993): „Jugend im Dritten Reich“. In Bentheimer Jahrbuch 1994. Bad Bentheim (1994), Hellendorn: S. 177]. Dies waren laut Herrn Kip die einzigen Möglichkeiten, mit Mädchen in Kontakt zu kommen.

Überzeugung der Jugendlichen

VON JOHANNES NIEHAUS, SANDRA SCHULTE, JENS HOFFMANN

Warum traten die Jugendlichen in der Grafschaft Bentheim der Hitlerjugend bei? Für den Eintritt gab es unterschiedliche Gründe. Für Herrn Kip ist einer der Hauptgründe, dass die Jugendlichen zusammenkommen konnten und sich etwas in ihrem tristen Dorfleben ereignete. Natürlich kam bei ihm auch hinzu, dass die Mitgliedschaft, als er zehn Jahre alt wurde, schon seit 1936 verpflichtend war [Siehe auch Bekanntmachung des Bürgermeisters von Emlichheim am 27.01.1941 in: „Emlichheim und Umgebung im 3. Reich“ Hrsg.: Heimatfreunde Emlichheim und Umgebung e.V., Red.: Albert Arendt S. 38], was für ihn aber nicht ausschlaggebend war.
Für Herrn Feldkamp wiederum war die Teilnahme bei seinem Eintritt im Mai 1933 noch nicht verpflichtend, trotzdem gab es für ihn mehrere Gründe, die ihn für die Hitlerjugend begeisterten. Er hatte einerseits Angst ohne Mitgliedschaft keine Lehrstelle zu bekommen, andererseits gab es für Mitglieder in der Hitlerjugend den Staatsjugendtag. Das bedeutete, dass sie am Samstag schulfrei bekamen und stattdessen „Dienst“ leisten mussten, was, wegen der inkonsequenten Betreuer, meistens bedeutete, dass den ganzen Vormittag Fußball gespielt wurde. Somit war es vor allem der Spaß, der Herrn Feldkamp in die Hitlerjugend zog [Vgl. Zeitzeugenbefragung von Titz, Hubert(1993): „Jugend im Dritten Reich“. In Bentheimer Jahr-buch 1994. Bad Bentheim (1994), Hellendorn: S. 176].
Es gibt aber auch negativere Stimmen, die davon berichten, dass sie nicht freiwillig, sondern aus Angst vor etwaigen Konsequenzen beitraten [Zeitzeugengespräch mit Stegemerten, Anna vom 8.03.2008]. Außerdem gab es auch in der Grafschaft Druck von überzeugten Nationalsozialisten und die Kinder ließen sich von Autoritätspersonen, wie zum Beispiel Lehrern oder Pastoren leicht beeinflussen.
Von Seiten der Eltern war die Mitgliedschaft nicht immer erwünscht. So berichtet der Chronist der evangelischen Volksschule Laar, dass es den Kindern von ihren Eltern verboten wurde, der Hitlerjugend beizutreten, obwohl diese das gerne getan hätten [In: „Emlichheim und Umgebung im 3. Reich“ Hrsg.: Heimatfreunde Emlichheim und Umgebung e.V., Red.: Arendt, Albert].
Die überwiegende Mehrheit nahm jedoch irgendwann teil, spätestens, nachdem es verpflichtend wurde. So wurde den Jugendlichen durch „Spiel und Spaß“ Disziplin, Gehorsam, körperliche Fitness und vor allem die nationalsozialistische Ideologie näher gebracht. Herr Kip berichtet, dass es kein Problem gewesen sei, der neuen Aufgabe als Fähnleinführer nachzukommen, da die Jugendlichen „Befehl und Gehorsam gewohnt waren“ und „die Klappe hielten, wenn sie nichts zu sagen hatten“. Auch setzte sich die Ideologie in den Köpfen der Jugendlichen fest und viele waren sogar am Ende des Krieges noch vom „Endsieg“ überzeugt. Herr Kip berichtet, dass die Jugendlichen nie daran gedacht hätten, dass Deutschland den Krieg verlieren könne.
Bei der Judenverfolgung scheint die Hitlerjugend in der Grafschaft jedoch nicht eingebunden gewesen zu sein. So können sich weder Frau Stegemerten noch Herr Kip oder Herr Feldkamp daran erinnern, dass es geplante oder offizielle Aktionen der Hitlerjugend gegen Juden gab. Vielmehr handelte es sich um ausgegrenzte Bürger, die nach und nach verschwanden, so Herr Kip. Zum Beispiel sei ein Nachbar in seinem Alter Jude gewesen, doch „von dem hat man plötzlich nichts mehr gehört“, und als er seine Eltern fragte, was passiert sei, antworteten sie nur: „Das geht euch nichts an. Das hat mit dem Krieg zu tun.“ Außerdem hätte man sich als Jugendlicher nicht lange Gedanken darüber gemacht, da die meisten Familien andere Probleme hätten [Zitat Herr Kip, Zeitzeugengespräch mit Herrn Kip, Recklinghausen 12.04.2008]. Auch von den Konzentrationslagern habe man nichts mitbekommen. Diese wurden oft nur als „Konzertlager“ bezeichnet und die Kinder hätten das so hingenommen.

Strukturen in der Grafschaft

VON JOHANNES NIEHAUS, SANDRA SCHULTE, JENS HOFFMANN

Die oberste Führung hatte der Reichsjugendführer inne. Ihm unterstanden die „Gebiete“. Die Grafschaft gehörte zum „Gebiet 7 Nordsee“, das in etwa dem heutigen Bezirk Weser-Ems entspricht. Sie zählte am Anfang zum „Bann 148 Lingen“. Später wurde dieser geteilt und sie wurde zum eigenständigen „Bann 500“ [Vgl. Zeitzeugenbefragung von Titz, Hubert(1993): „Jugend im Dritten Reich“. In Bentheimer Jahr-buch 1994. Bad Bentheim (1994) Hellendorn: S. 175 f.]. Der damalige Bannführer war Hans Krabbe. Laut Herrn Kip [Vgl. Zeitzeugengespräch mit Herrn Kip, Recklinghausen 12.04.2008] war er ein schielender, hagerer Mann, der deshalb den Spitznamen „Gandhi“ trug. Der indische Gandhi galt den National-sozialisten als propagandistisch genutztes Vorbild, da er den Freiheitskampf gegen die Engländer anführte. Herr Kip lernte Herrn Krabbe als eher distanzierten und auf Grund seines Amtes leicht arrogant wirkenden Menschen kennen, von dem er allerdings nie etwas Auffälliges gehört hat.
Krabbe trat stets mit einer kleinen Gefolgschaft auf und übte bei vielen Veranstaltungen der Hitlerjugend eine kontrollierende Funktion aus.
Unter ihm standen die drei Stammführer für Nordhorn und die Ober- und Niedergrafschaft. Dies war in der Niedergrafschaft Ludwig Hilbrig, der trotz kriegsfähigem Alter wegen Augenproblemen nicht eingezogen wurde und von Herrn Kip als freundlich beschrieben wird. In der Obergrafschaft hatte diesen Posten der Lehrer Schulz inne, der als streng galt.
Die Stämme waren unterteilt in bis zu 4 Fähnlein. Herr Kip war der Fähnleinführer in Neuenhaus und Umgebung, nachdem ihm das Amt im Herbst 1943 von Herrn Krabbe übergeben wurde, weil der vorherige Fähnleinführer eingezogen worden war. Der Jungzugführer „Fritz“ fühlte sich dabei übergangen, da eigentlich er der Stellvertreter gewesen war. Über die genauen Gründe, warum er vorgezogen wurde, kann Herr Kip nur Vermutungen anstellen. Danach habe er Herrn Krabbe nie gefragt, da man so etwas nicht getan habe und er natürlich auch stolz gewesen sei, dass ihm dieses Vertrauen zugesprochen wurde. Es könnte allerdings daran gelegen haben, dass er als Verlegersohn eine Schreibmaschine besaß, die für das Erstellen von Befehlen benötigt wurde und die er zu benutzen verstand.
Insgesamt ist anzumerken, dass Herr Kip ausschließlich Informationen und Begriffe des Jungvolkes benutzt, was daran liegt, dass er, als er das Alter für die Hitlerjugend ereichte, Fähnleinführer wurde und so trotz des zu hohen Alters im Jungvolk blieb. Im späteren Verlauf des Krieges gab es außerdem keine vollständige Hitlerjugend mehr in der Grafschaft. Vorher teilte sie sich, wie Herr Kip und Herr Feldkamp berichten, in verschiedene Abteilungen wie die Motor-, Marine- und Flieger-Hitlerjugend, wobei es in der Grafschaft wohl nur „Motorscharen“ unter anderem in Neuenhaus gab [Vgl. Zeitzeugenbefragung von Titz, Hubert(1993): „Jugend im Dritten Reich“. In Bentheimer Jahr-buch 1994. Bad Bentheim (1994), Hellendorn: S. 175].

Anfänge und Entwicklungen

VON JOHANNES NIEHAUS, SANDRA SCHULTE, JENS HOFFMANN

Wie in vielen anderen Gegenden Deutschlands gab es die Hitlerjugend schon vor der eigentlichen Machtergreifung der NSDAP. So gruppierten sich schon 1929 über 13.000 Jugendliche in ganz Deutschland unter dem Reichsjugendführer Gruber in der Hitlerjugend. Die ersten Ortsgruppen der Hitlerjugend in der Grafschaft gab es im Raum Bad Bentheim und Gildehaus spätestens 1931. Die erste größere Veranstal-tung der Hitlerjugend war ein Zeltlager, das im selben Jahr vom 12. bis zum 14. August in Neuenhaus stattfand[Vgl. Lensing, Helmut (2006): „Der Aufstieg der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei in der Grafschaft Bentheim 1923-1933“. In: Osnabrücker Mitteilungen, Bd. 111. Osnabrück (2006): S. 269f.].
Schon bis zum 1.Mai 1933 hatte die Hitlerjugend einen so großen Einfluss, dass am Tag der „Machtergreifung“ Hitlers ein Feldgottesdienst an der Freilichtbühne in Bad Bentheim und mehrere Festumzüge in der ganzen Grafschaft veranstaltet wurden [Vgl. Titz, Hubert (Hg): Bad Bentheim – Aspekte einer Stadtgeschichte. 1. Aufl. – Bad Bentheim: Hellendoorn, 1996.]. Bis dahin hatten sich bereits überall neue Ortsgruppen gebildet. So berichtet Heinz Feldkamp [Vgl. Zeitzeugenbefragung von Titz, Hubert(1993): „Jugend im Dritten Reich“. In Bentheimer Jahr-buch 1994. Bad Bentheim (1994) Hellendorn: S. 171], der 1922 in Neuenhaus geboren wurde und die Zeit des Nationalsozia-lismus bei seiner Tante in Brandlecht erlebte, dass er im Mai 1933 in die Ortsgruppe Brandlecht eintrat. Eine Ortsgruppe in einer solch kleinen Ortschaft lässt darauf schließen, dass die Grafschaft schon zu diesem Zeitpunkt von den Nationalsozialis-ten vollkommen durchorganisiert worden war.
Ein weiteres Ereignis kurz nach der Machtergreifung war die Sonnenwendfeier [Vgl. Staatsarchiv Osnabrück: Bentheimer Zeitung vom 26.06.1933] auf der Freilichtbühne in Bad Bentheim, bei der mehrere hochrangige Vertreter der NSDAP anwesend waren und die Hitlerjugend aufmarschierte, nachdem zuvor am Nachmittag die geplanten sportlichen Wettkämpfe auf wegen Regens ausgefallen waren.
Die Nationalsozialisten versuchten unter anderem durch Mundpropaganda und Zei-tungsartikel Jugendliche für die Hitlerjugend zu begeistern. Dabei nutzen sie auch die „Bentheimer Zeitung“, in der extra Beilagen nur für Jugendliche erschienen. In diesen wurde, zum Beispiel durch das Aufzeigen verschiedener Laufbahnen, ver-sucht, Jugendliche davon zu überzeugen, dass eine Mitgliedschaft notwendig war. Des Weiteren wurden vorgefertigte Propagandaschriften [Vgl. Staatsarchiv Osnabrück: Bentheimer Zeitung vom 30.12.1933] gedruckt, die die Zeitungen laut Herrn Kip [Vgl. Zeitzeugengespräch mit Herrn Kip, Recklinghausen 12.04.2008] vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda aus Berlin erhielten.
Insgesamt vollzog sich der Prozess des Aufbaus der Hitlerjugend ähnlich schnell wie die Bildung der nationalsozialistischen Strukturen in der Grafschaft.