Karl Raapitz – Aussagen eines Zeitgenossen

VON TOBIAS BEUEL

Nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands 1945 wollten die Besatzungsmächte ein Deutschland schaffen, das vollständig vom Nationalsozialismus befreit war. Um dies zu verwirklichen, begannen sie mit der so genannten „Entnazifizierung“ Deutschlands. Ein Hauptziel dieses Programms war es, sämtliche noch lebenden hohen Parteimitglieder vor ein Gericht zu stellen und zu verurteilen. Desweiteren wollte man das gesamte deutsche Volk „umerziehen“, das heißt vom nationalsozialistischen Gedankengut befreien.
Um die individuelle Schuld jedes einzelnen Bürgers zu beurteilen, wurden fünf Kategorien eingeführt: Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete, Mitläufer und Entlastete. Jeder Erwachsene musste einen Fragebogen ausfüllen, anhand dessen diese Person in eine der Kategorien eingeteilt wurde. Mutmaßliche NS-Straftäter konnten durch die Aussage anderer, nicht belasteter Personen entlastet werden. Ihnen wurde umgangssprachlich ein „Persilschein“ ausgestellt.
Eine solche Aussage stellt das folgende Zeitdokument dar, das Herr G. Gosejacob über den Bürgermeister Bentheims 1938-1944, Karl Raapitz, verfasste. Dieses zeigt eine ganz andere Seite von Raapitz, der ja in seiner Bewerbung zum Bürgermeister als überzeugter und radikaler Nationalsozialist erscheint:

Quelle: Stadtarchiv Bad Bentheim

Stadtinspektor G. Gosejakob Bad Bentheim, den 12. August 1948

In dem Entnazifizierungsverfahren gegen den gefallenen früheren Bürgermeister der Stadt Bad Bentheim, Karl Raapitz, gebe ich folgende Erklärung ab:
Der frühere Oberzollinspektor Karl Raapitz wurde im Jahre 1938 Bürgermeister der Stadt Bad Bentheim. Er hat in der kurzen Zeit seiner Tätigkeit in seiner rein idealistischen Auffassung vom Nationalsozialismus versucht, nur nach Recht und Gerechtigkeit zu handeln und zu urteilen.
Zum Beweis mögen folgende Tatsachen dienen:
Als im Stadtgebiet Bentheim Übergriffe der Gestapo vorkamen, – ein Reisender war, soweit mir erinnerlich, in der Gastwirtschaft Vahrenhorst und anschliessend im Dienstgebäude der Gestapo geschlagen worden und beschwerte sich hierüber am nächsten Tage beim Bürgermeister als Polizeiverwalter – hat Bürgermeister Raapitz trotz aller Versuche der Gestapo, die Angelegenheit zu vertuschen, die Bestrafung der Schuldigen verlangt und entsprechende Schritte gegen die Gestapo unternommen. Er begründete seine Forderung damit, dass er für Ruhe und Ordnung in seinem Polizeibezirk verantwortlich sei und Übergriffe irgendwelcher Art nicht zulasse. Er hat trotz aller Widerstände und persönlicher Anfeindungen die Bestrafung der Beamten durchgesetzt.
Weiter sollte einem Bentheimer Bürger ein Grundstück zu Gunsten des Kreisleiters genommen werden. Bürgermeister Raapitz fragte mich nach dem hierzu geeigneten Weg, und ich habe ihm daraufhin die Gegenfrage gestellt: „Wollen Sie zu solch einer schmutzigen Sache Ihre Hand hergeben, Herr Bürgermeister?“ Darauf hin sprang er auf, stellte sich schweigend ans Fenster und schickte mich nach einigen Minuten aus dem Dienstzimmer. Am nächsten Morgen bat er mich zu sich und erklärte: „Sie hatten gestern recht, ich danke Ihnen, ich werde in der Angelegenheit nichts unternehmen. Er ermächtige mich dann noch, den betr. Bürger nach 2 Jahren von der Angelegenheit zu unterrichten und ihm zu sagen, dass ich ihm das Grundstück erhalten habe.
Gelegentlich einer Haushaltsbesprechung, kurz nach seiner Amtseinführung, kamen wir auf Weltanschauung, Religion und Kirche zu sprechen. Ich verteidigte meine Kirchenzugehörigkeit, also christliche Auffassung, während Bürgermeister Raapitz seine nationalsozialistische Weltanschauung vertrat. Die Aussprache beendete Bürgermeister Raapitz mit den Worten: „Bleiben Sie was Sie sind, ich bleibe was ich bin, im übrigen sind wir heute gute Kameraden geworden“. Ein engstirniger Parteibuchbeamter hätte sich niemals Andersdenkenden gegenüber so verhalten.
Die Richtigkeit der vorstehend geschilderten Tatsachen versichere ich hierdurch an Eides Statt.

Gerhard Gosejacob

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Literaturverzeichnis – allgemein

Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.): Informationen zur politischen Bildung: Nationalsozialismus I und II. Bd. 251. Bonn 2003 und 266. Bonn 2004.

Barth, K.: Die Kirche Jesu Christi. München 1933.

Barth, K.: Theologische Existenz heute. München 1933.

Bauberot, J.: „Protagonisten, Institutionen, Entwicklungen. Die Kirchen und die
internationalen Beziehungen. Die protestantischen Kirchen. Nationalsozialismus.“ In: MAYEUR, J.-M. (HG.): Die Geschichte des Christentums Band 12. Erster und Zweiter Weltkrieg, Demokratien und totalitäre Systeme 1914-1958. Freiburg im Breisgau 1992. S. 344–363.

Beckmann, Christoph: Machtergreifung vor Ort. In: Heydemann, G. /Oberreuter H. (Hg.): Diktaturen in Deutschland – Vergleichsaspekte. Bonn 2003. S. 94 – 116.

Greschat, M.: Im Zeichen der Schuld. 40 Jahre Stuttgarter Schuldbekenntnis. Neukirchen-Vluyn 1985.

Greschat, M.: „Kirche und Öffentlichkeit in der deutschen Nachkriegszeit (1945-1949)“. In: BOYENS u.a.: Kirchen in der Nachkriegszeit. Vier zeitgeschichtliche Beiträge. Göttingen 1979. S. 100-124

Meier, K.: „Das Christentum in Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Deutschland und Österreich. Die evangelische Kirche im Dritten Reich.“ In: MAYEUR, J.-M. (HG.): Die Geschichte des Christentums Band 12. Erster und Zweiter Weltkrieg, Demokratien und totalitäre Systeme 1914-1958. Freiburg im Breisgau 1992. S. 713–725.

Meier, K.: Kirche und Judentum. Die Haltung der evangelischen Kirche zur Judenpolitik des Dritten Reiches. Halle an der Saale 1968.

Müller, C-R.: Dietrich Bonhoeffers Kampf gegen die nationalsozialistische Verfolgung und Vernichtung der Juden. München 1990.

Norden, G. van: „Widerstand im deutschen Protestantismus 1933-1945.“ In: MÜLLER, K.-J. (HG.): Der deutsche Widerstand 1933-1945. Paderborn 1986. S. 108-134.

Schmidt, J.: Martin Niemöller im Kirchenkampf. Hamburg 1971.

Literaturverzeichnis mit lokalem Bezug

Bad Bentheim. Aspekte einer Stadtgeschichte. Hg. von der Volkshochschule des Landkreises Grafschaft Bentheim. Bad Bentheim 1996.

Koch, Karl, Kohlbrüggianer in der Grafschaft Bentheim. Eine Studie zur reformierten Kirchengeschichte der Grafschaft Bentheim zwischen 1880 und 1950. Zugleich ein Beitrag zur Geschichte des Kirchenkampfes, in: Emsland/Bentheim. Beiträge zur Geschichte Bd. 12. Hrsg. von der Emsländischen Landschaft für die Landkreise Emsland und Grafschaft Bentheim, Bd. 12), Sögel 1996, S. 355-432.

Heimatfreunde Emlichheim und Umgebung e.V. (Hg.): Emlichheim und Umgebung im 3. Reich. Bad Bentheim 2004.

Lensing, Helmut: Der Aufstieg der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei in der Grafschaft Bentheim 1923 – 1933. In: Osnabrücker Mitteilungen Bd. 111. Osnabrück 2006. S. 255 – 296.

Ders.: Der Aufstieg des Nationalsozialismus in der Grafschaft Bentheim mit besonderem Blick auf das Kirchspiel Uelsen 1923-1933 I, in: Bentheimer Jahrbuch 2007 (Das Bentheimer Land Bd. 180), Bad Bentheim 2006, S. 251-268.

Ders.: Der Aufstieg des Nationalsozialismus in der Grafschaft Bentheim mit besonderem Blick auf das Kirchspiel Uelsen 1923-1933 II, in: Bentheimer Jahrbuch 2008 (Das Bentheimer Land Bd. 185), Bad Bentheim 2007, S. 331-352.

Ders.: Die NSDAP Neuenhaus von der Gründung bis zum Sommer 1933, in: Bentheimer Jahrbuch 2004 (= Das Bentheimer Land Bd. 165), Bad Bentheim 2003, S. 269-294.

Ders.: Die Nationalsozialistische Betriebszellen-Organisation und die NS-Machtergreifung in der Grafschaft Bentheim, in: Bentheimer Jahrbuch 1993 (= Das Bentheimer Land Bd. 125), Bad Bentheim 1992, S. 167-194.

Ders.: Die nationalsozialistische Gleichschaltung der Landwirtschaft im Emsland und in der Grafschaft Bentheim, in: Studiengesellschaft für Emsländische Regionalgeschichte (Hrsg.), Emsländische Geschichte Bd. 4, Bremen 1994, S. 43-123.

Ders.: Zum Konflikt zwischen Nationalsozialismus und Kirche im Emsland bis zur Lingener Blockhütten-Affäre 1935, in: Studiengesellschaft für Emsländische Regionalgeschichte (Hrsg.), Emsländische Geschichte Bd. 3, Bremen 1993, S. 125-154.
Allgemein über die Grafschafter Parteienlandschaft während der Weimarer Republik (und danach)

Ders.: Der reformierte Protestantismus in der Grafschaft Bentheim während der Weimarer Republik und das Aufkommen des Nationalsozialismus bis zu seiner Etablierung Ende 1933.
Noch nicht veröffentlicht; liegt als Datei und in gedruckter Version vor.

Ders./ Zwake, Olaf: Die Hitler-Jugend im Lingener Land 1933 – 1936. Eine neue Sozialisationsinstanz zwischen Anspruch und Alltagsleben, in: Studiengesellschaft für Emsländische Regionalgeschichte (Hrsg.), Emsländische Geschichte Bd. 13, Haselünne 2006, S. 199-318.

Löning, Martin: Die Durchsetzung nationalsozialistischer Herrschaft im Emsland (1933-1935), in: Emsland/Bentheim. Beiträge zur Geschichte Bd. 12. Hrsg. von der Emsländischen Landschaft für die Landkreise Emsland und Grafschaft Bentheim, Sögel 1996, S. 7-353.

Rademacher, Michael: Wer war wer im Gau Weser-Ems. Die Amtsträger der NSDAP und ihrer Organisationen in Oldenburg, Bremen, Ostfriesland sowie der Region Osnabrück-Emsland, Norderstedt 2005 (überarbeitete Neuauflage).

Rademacher, Michael: Die Kreisleiter der NSDAP im Gau Weser-Ems, Marburg 2005.

Specht, Heinrich (Hrsg.): Das Bentheimer Land Bd. 9. Jahrbuch des Heimatvereins der Grafschaft Bentheim. Zugleich Heimatkalender 1935, Nordhorn 1934 und die nachfolgenden Ausgaben. Existieren bis 1941.

Stadt Nordhorn / Volkshochschule Nordhorn (Hg.): Nordhorn im Dritten Reich. Bad Bentheim 1991.

Steinwascher, Gerd (Bearbeiter): Gestapo Osnabrück meldet … Polizei- und Regierungsberichte aus dem Regierungsbezirk Osnabrück aus den Jahren 1933 bis 1936 (Osnabrücker Geschichtsquellen und Forschungen Bd. XXXVI), Osnabrück 1995.

Wagner, Herbert: Die Gestapo war nicht allein … Politische Sozialkontrolle und Staatsterror im deutsch-niederländischen Grenzgebiet 1929-1945 (Anpassung – Selbstbehauptung – Widerstand, Bd. 22), Münster 2004.

Die politische Partizipation der Bürger – Wahlen und Parteien in der Grafschaft Bentheim, in: Heinrich Voort (Hrsg.), 250 Jahre Bentheim – Hannover. Die Folgen einer Pfandschaft 1752-2002. Hrsg. i.A. des Landkreises Grafschaft Bentheim, Bad Bentheim 2002, S. 127-266.

GN-Sonderseite zum 75. Jahrestag der Machtergreifung Hitlers am 30.01.2008.

Die Machtergreifung in der Grafschaft Bentheim im nationalen Vergleich

VON DINA NIEHAUS; DENNIS STEGEMERTEN; SIMON REEFMANN

Literatur: Beckmann, Christoph: Machtergreifung vor Ort. In: Heydemann /Oberreuter (Hg.): Diktaturen in Deutschland – Vergleichsaspekte. Bonn 2003. S. 94 – 116.

In den vorherigen Kapiteln wurde die Machtergreifung in der Grafschaft Bad Bentheim dargestellt. In dem folgendem Text werden diese Ergebnisse nun mit den von Christoph Beckmann genannten Kriterien zur typischen Machtergreifung verglichen. Beckmann hat Beurteilungskriterien entwickelt, nach denen die Ausmaße der lokalen Nationalisierung beurteilt werden können. Diese Kriterien werden im Folgenden auf die Grafschaft angewandt.

Als erster Vergleichspunkt bietet sich der Zeitpunkt der Gründung der ersten Ortsgruppe in der Grafschaft Bentheim an. Wie schon geschrieben [s. Blog] gab es schon lange vor 1933 nationale Gruppierungen in der Grafschaft. Das ist laut Beckmann ein Kriterium dafür, dass das stark nationale Gedankengut schon länger verbreitet war, was nach seiner Meinug zur Folge hatte, dass sich die NSDAP ohne größere Schwierigkeiten in der Grafschaft etablieren konnte [Vgl. Beckmann, Christopher: ,,Machtergreifung vor Ort“. S.100]. Nicht ganz zu klären ist, inwiefern die Funktionäre der Ortsgruppen schon vorher im politischen Etablissement aktiv waren. Es sieht eher so aus, als ob sich die potentiellen NSDAP-Mitglieder vorher unpolitisch verhielten. Wie Beckmann schon erwähnt, spielten angesehene Persönlichkeiten eine wichtige Rolle.
So sind im Fall der Grafschaft Herr Krabbe, Herr Dr. Ständer und der spätere Bentheimer Bürgermeister Rapitz zu nennen. Alle drei beeinflussten die Grafschaft durch ihr stark nationalsozialistisches politisches Engagement (Vgl. Beckmann, Christopher: ,,Machtergreifung vor Ort“. S.100, vgl. Aussagen Raapitz in seinem Bewerbungsschreiben, vgl. Bericht von Ständer über die Entwicklung der NSDAP in der Grafschaft. In: Das Bentheimer Land XI. Vgl. Blog].
Zusammenfassend kann man aufgrund der gesammelten Erkenntnisse sagen, dass die Grafschaft den typischen Weg der Machtergreifung gegangen ist und darüber hinaus in vielen Punkten sogar noch weiter ging. Für uns entsteht der Eindruck, dass es in der Grafschaft schon früh sehr viele und sehr große Ortsgruppen gab. Somit scheint die Grafschaft ein idealer Nährboden für den nationalsozialistischen Einfluss gewesen zu sein. Weitere Recherchen zu diesen Eindrücken folgen.

Ein Zeitungsartikel über die Sonnwendfeier 1933 in Bad Bentheim

Aus der Bentheimer Zeitung vom 26.06.1933:
ABGETIPPT VON FELIX RODER

Die Sonnenwendfeier auf der Freilichtbühne Bentheim
Eine große, wirkungsvolle Kundgebung der NSDAP.

Unaufhörlich prasselt der Regen hernieder, als der Sonnabend, der „Tag der Jugend“ anbricht. Während des ganzen Vormittags hält der Regen an, und die vorgesehenen Wettkämpfe der Jugend der Vereine müssen ausfallen und auf einen anderen Tag verlegt werden. Am Nachmittag aber klärt sich der Himmel erfreulicherweise auf, der Regen läßt nach und es bleibt trocken. Die Freude darüber war nicht gering, war doch für den Abend die große Sonnenwendfeier der NSDAP. auf der Freilichtbühne vorgesehen. Schon lange vor Beginn der Veranstaltung setzte der Zustrom zur Freilichtbühne ein. Als dann aber die SA., die Motor-SA., die NSBO., der NS. Eisenbahnerverein, der NS. Zollbeamtenverein, die Hitlerjugend, das Jungvolk und die vielen Parteimitglieder aus Bentheim und der näheren Umgebung in geschlossenem Zuge eintrafen, war die Bühne voll gefüllt. Für die immer noch zuströmenden Menschen räumte die Hitler-Jugend gern den Platz und gesellte sich zu den SA.-Leuten am Rande der Felsen. Zu den vielen Festteilnehmern gesellten sich, freudig begrüßt, Gau-SA.-Führer Herzog, Oldenburg, Standartenführer Bernink, Lingen, und Kreisleiter Dr. Ständer, Gildehaus. Auch der Stahlhelm B. d. F. Ortsgruppe Bentheim traf auf der Feilichtbühne ein, um der Feier beizuwohnen. Ueber die Bühnen wehten die Fahnen des erwachten Deutschlands und davor leuchtete ein riesiges Hakenkreuz auf, das sich im Wasser wiederspiegelte. Die Gau-SA.-Kapelle Weser-Ems, Oldenburg, unter Leitung von Gaumusikzugführer D. Entelmann, intonierte die Flaggenparade und unter ihren Klängen marschierten die Fahnen ein und nahmen vor der Bühne Aufstellung. Dann begann die eigentliche Feier, zu der der Reserveführer Aug. Woltmann die Anwesenden herzlich willkommen hieß. Ein Böllerschuß und das Aufsteigen von Leuchtkugeln waren das Zeichen. Die Kapelle spielte den Armeemarsch Herzog von Braunschweig, den Paradenmarsch der 78er. Dann sprach Carl-Werner Müller mit rechter Betonung den von SA.-Mann Aug. Menebröker verfaßten Vorspruch

„Ein Volk, ein Gott, ein Vaterland“

Es lebte einst ein Volk auf dieser Erden,
Ein Volk, das groß und mächtig war und stark.
Solang die Einigkeit die Stämme kettete,
Mußt’ selbst der stärkste Feind sich beugen vor dem Cherusker.
Dann ward es uneins – Volk stand wider Volk,
Und dieser stolze Bau, von eines Meisters Hand gefüget,
Zerschmetterte sich selbst durch seiner Zwietracht Gift
Zu einem öden Trümmerhaufen – ein Gebild von
[Menschen. –
Dies kühne Volk, von dem ich jetzo spreche,
Sind dein und meine Ahnen, uns’re Väter.
Drum wachet, deutsche Brüder, lernt aus der Geschichte,
Daß nur die Einigkeit und Treu zum Siege führten. –
Was wir erlebt, war Chaos, Schmach und Tyrannei;
Der Mensch, der Weltenschöpfung gold’ne Krone,
Gebärdete sich feiger als das Tier,
Der Bruder streckte seinen Bruder heimlich nieder,
Der Sohn den Vater und das Weib den Mann. –
Mein deutsches Volk, wie tief warst du gesunken !
Wo blieben deine Tugenden und Sitten,
Die so gerühmt von deines Geistesgrößen?
Nur einer hielt sich fern von diesem Treiben:
Der junge deutsche Führer, Adolf Hitler;
Er ging ins Volk und riß es mit sich fort,
Und Deutschland brach die harten Sklavenketten:
„Tod oder Freiheit schallt’s von Mund zu Munde,
Es naht der Rache heißersehnte Stunde,
Die Faust geballt, das Vaterland zu retten.“ –
Hoch oben in dem Norden glüht ein Licht,
Entzündet von der neuen deutschen Jugend,

Das bald das ganze Volk erfassen wird
in einer allgewaltig-großen Flamme !
Dann wird es in den Seelen hell, das Volk erwacht !
Das Volk ist eins ! Die Fesseln fallen nieder,
Und tiefer Frieder schlummert in den Herzen !
Der Bauer pflüget hoffnungsvoll die Scholle,
Getrosten Mut’s steigt in den ruß’gen Schacht der
[Bergmann,
Der Krieger greifet freudig zu dem Schwerte:
Er weiß, wofür er lebt, er weiß, wofür er stirbt.
Dann ist das Wort des alten Kanzlers wahr geworden:
Die Deutschen fürchten Gott, sonst nichts auf dieser Welt !!!

Es folgt dann ein Liederpotpourri in schneidiger Weise gespielt von der Kapelle. Der Männergesangchor brachte sehr wirkungsvoll „Es geht bei gedämpfter Trommelklang“ und „Die Fahne hoch“ unter großem Beifall zu Gehör. Sehr viel Anklang fanden auch die Fanfarenmärsche der SA.-Kapelle. Eigens zu dieser Feier verfaßte der SA.-Mann Aug. Menebröker einen Sprechchor mit Musikbegleitung. „Deutsche Sonnenwendfeier 1933“, der in ergreifenden Worten zur Freiheit, zum Kampf gegen Ketten und Schmach ruft und gipfelt in dem Ausruf: Deutschland, werde frei! Während dann ein nationalsozialistisches Liederpotpourri erklingt, leuchtet hoch oben auf dem Felsen heller Lichtschein auf. Weißgekleidete Turner erscheinen und zeigen ein Fackelschwingen nach dem Takt der Musik – ein erhebender Anblick. Noch ist nicht der Beifall verklungen, der den Turnern zuteil wurde, da ziehen unten vor der Bühne in langen Reihen die Mädel vom B.d.M. zum Fackelreigen auf. Helle Begeisterung löst die Vorführung aus, als die Gruppen bei dem Gesang des alten Sonnenwendliedes „Flamme empor!“ ein leuchtendes Hakenkreuz bilden. Die Mädel klettern den Berg hinan und bringen mit den Resten der Pechfackeln den Holzstoß auf der Höhe zur Entzündung.
Als die Flammen des Sonnenwendfeuers emporlodern als uraltes Symbol der Reinheit, der erneuernden Kraft und der tatdrängenden Begeisterung, ergreift SA.-Gauführer Herzog, Oldenburg, das Wort zu einer markigen Feuerrede. Er weist darauf hin, daß heute von allen Bergen Deutschlands die Flammen der Sonnenwendfeier zum Himmel steigen, daß nach Nacht und Finsternis doch immer wieder Licht werde, daß auch für ein Volk nach schweren Jahren wieder bessere Zeiten kommen, wenn es wieder zurück zur Natur finde. Wir könnten Gott dankbar sein, daß uns ein Mann erstand, der uns zurückführt zu uns selbst, der uns von allen Fremden frei macht. Zum Schluß seiner Ausführungen spricht er die Hoffnung aus, daß ein Funke von dem Geiste, der den heutigen Abend beseelt, in uns nachglimmen möge, damit das Volk immer mehr erwacht. Die Rede klang aus in dem gemeinsamen Gesang des Deutschlandliedes.
Einen würdigen Abschluß fand die erhebende Sonnenwendfeier durch die Rütliszene, den Rütlischwur aus „Wilhelm Tell“: „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern ….“ Zum Abschluß wurde das Freiheitslied des neuen Deutschlands, das Horst-Wessel-Lied, gesungen.
Als die leuchtende Pracht zu Ende war, strömten die Massen zur Stadt zurück. Die SA., Motor-SA., NSBO., Hitlerjugend und das Jungvolk und die übrigen nationalsozialistischen Verbände marschierten unter Vorantritt der Kapelle geschlossen ab. Der herrlichen, erbauenden Feierstunden auf der Freilichtbühne werden sich gewiß alle stets gern erinnern.
Für ein paar Tage liegt die Bühne noch verlassen da, dann aber wird dort wieder ein reges Leben und Treiben einsetzen, denn schon am kommenden Mittwoch nimmt die Aufführung des „Wilhelm Tell“ ihren Anfang. Hoffentlich dürfen sie sich eines recht guten Besuches erfreuen.

Der Aufstieg der Nationalsozialisten in der Grafschaft Bentheim 1923-1933- Einleitung

VON DINA NIEHAUS, DENNIS STEGEMERTEN, SIMON REEFMANN

Literatur: Lensing, Helmut: „Der Aufstiege der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei in der Grafschaft Bentheim 1923-1933“. In: Osnabrücker Mitteilungen, Bd. 111. Osnabrück 2006

Die ersten nationalistischen Ansätze gab es schon lange vor 1923 in der Grafschaft. Im Zuge der schon 1917 deutschlandweit aktiven „Deutschen Vaterlandspartei“ entstand auch in der Grafschaft ein Kreisverein dieser Partei. Dieser Kreisverein war der erste in der ganzen Provinz Hannover Die Provinz Hannover umfasste ca. die Fläche des heutigen Niedersachsens. [Vgl. Wikipedia (2003): „Provinz Hannover“. URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Provinz_Hannover (Stand: 14. Mai 2008)] Aus diesen Kreisen kamen dann auch die ersten Anhänger der NSDAP, die in der Obergrafschaft ihre ersten Kreisvereine bildeten. Bis zum Jahre 1932 entstanden 15 Ortsgruppen der NSDAP, die zusammen über 1000 Mitglieder in ihren Reihen hatten. 1933 gingen 53,4 % der Stimmen bei den Reichstagswahlen der Grafschafter Bürger an die NSDAP.
Aber wie kam es zu einer solchen Begeisterung für die Nationalsozialisten und wie entwickelte sich aus der ehemals kleinen Ortsgruppe ein so großes Netzwerk in der Grafschaft?

Soziale und geographische Ausgangssituation

VON DINA NIEHAUS; DENNIS STEGEMERTEN; SIMON REEFMANN

Literatur: Lensing, Helmut: „Der Aufstiege der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei in der Grafschaft Bentheim 1923-1933“. In: Osnabrücker Mitteilungen, Bd. 111. Osnabrück 2006

Die Grafschaft Bentheim war in den beginnenden 20er Jahren zu einer Art „Insel“ geworden. Die Infrastruktur war schlecht und die Grafschaft stand fast ausschließlich mit den Niederlanden in Kontakt. Zu den eher katholischen Gebieten des Emslandes und Westfalens hatte man schon auf Grund des religiösen Grabens keinen Kontakt. Denn in der Grafschaft waren 81% der Bevölkerung protestantisch. Ein Großteil der Protestanten gehörte den reformierten Calvinisten an. Der Calvinismus [Vgl. Wikipedia (2003): „Calvinismus“. URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Calvinisten (Stand: 15. Mai 2008)] hat eine besonders strenge und konservative Glaubensauffassung. Damit war die Grafschaft ziemlich isoliert vom Rest des deutschen Reiches, so dass die Grafschaft viele Entwicklungen, gesellschaftliche Veränderungen und die Industrialisierung gar nicht, beziehungsweise erst mit einer gewissen Verzögerung erlebte.
Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass die Grafschaft überwiegend landwirtschaftlich geprägt war. Ausnahmen waren die Orte Nordhorn, Schüttorf und auch abgeschwächt Gildehaus, in denen sich eine Textilindustrie entwickelte. Im Verlauf der Jahre wurde Nordhorn sogar zu einem der Zentren der deutschen Textil-Industrien [Vgl. Wikipedia (2003):„Textilindustrie“.URL:http://de.wikipedia.org/wiki/Textilindustrie#Zentren_der_Textilindustrie (Stand 15. Mai 2008), siehe auch Facharbeit: „Die Textilindustrie in der Grafschaft Bentheim – Zum Scheitern verurteilt?“ von Jens Hoffmann und Vanessa Schmidt, Bad Bentheim 2008].