Karl Raapitz – Aussagen eines Zeitgenossen

VON TOBIAS BEUEL

Nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands 1945 wollten die Besatzungsmächte ein Deutschland schaffen, das vollständig vom Nationalsozialismus befreit war. Um dies zu verwirklichen, begannen sie mit der so genannten „Entnazifizierung“ Deutschlands. Ein Hauptziel dieses Programms war es, sämtliche noch lebenden hohen Parteimitglieder vor ein Gericht zu stellen und zu verurteilen. Desweiteren wollte man das gesamte deutsche Volk „umerziehen“, das heißt vom nationalsozialistischen Gedankengut befreien.
Um die individuelle Schuld jedes einzelnen Bürgers zu beurteilen, wurden fünf Kategorien eingeführt: Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete, Mitläufer und Entlastete. Jeder Erwachsene musste einen Fragebogen ausfüllen, anhand dessen diese Person in eine der Kategorien eingeteilt wurde. Mutmaßliche NS-Straftäter konnten durch die Aussage anderer, nicht belasteter Personen entlastet werden. Ihnen wurde umgangssprachlich ein „Persilschein“ ausgestellt.
Eine solche Aussage stellt das folgende Zeitdokument dar, das Herr G. Gosejacob über den Bürgermeister Bentheims 1938-1944, Karl Raapitz, verfasste. Dieses zeigt eine ganz andere Seite von Raapitz, der ja in seiner Bewerbung zum Bürgermeister als überzeugter und radikaler Nationalsozialist erscheint:

Quelle: Stadtarchiv Bad Bentheim

Stadtinspektor G. Gosejakob Bad Bentheim, den 12. August 1948

In dem Entnazifizierungsverfahren gegen den gefallenen früheren Bürgermeister der Stadt Bad Bentheim, Karl Raapitz, gebe ich folgende Erklärung ab:
Der frühere Oberzollinspektor Karl Raapitz wurde im Jahre 1938 Bürgermeister der Stadt Bad Bentheim. Er hat in der kurzen Zeit seiner Tätigkeit in seiner rein idealistischen Auffassung vom Nationalsozialismus versucht, nur nach Recht und Gerechtigkeit zu handeln und zu urteilen.
Zum Beweis mögen folgende Tatsachen dienen:
Als im Stadtgebiet Bentheim Übergriffe der Gestapo vorkamen, – ein Reisender war, soweit mir erinnerlich, in der Gastwirtschaft Vahrenhorst und anschliessend im Dienstgebäude der Gestapo geschlagen worden und beschwerte sich hierüber am nächsten Tage beim Bürgermeister als Polizeiverwalter – hat Bürgermeister Raapitz trotz aller Versuche der Gestapo, die Angelegenheit zu vertuschen, die Bestrafung der Schuldigen verlangt und entsprechende Schritte gegen die Gestapo unternommen. Er begründete seine Forderung damit, dass er für Ruhe und Ordnung in seinem Polizeibezirk verantwortlich sei und Übergriffe irgendwelcher Art nicht zulasse. Er hat trotz aller Widerstände und persönlicher Anfeindungen die Bestrafung der Beamten durchgesetzt.
Weiter sollte einem Bentheimer Bürger ein Grundstück zu Gunsten des Kreisleiters genommen werden. Bürgermeister Raapitz fragte mich nach dem hierzu geeigneten Weg, und ich habe ihm daraufhin die Gegenfrage gestellt: „Wollen Sie zu solch einer schmutzigen Sache Ihre Hand hergeben, Herr Bürgermeister?“ Darauf hin sprang er auf, stellte sich schweigend ans Fenster und schickte mich nach einigen Minuten aus dem Dienstzimmer. Am nächsten Morgen bat er mich zu sich und erklärte: „Sie hatten gestern recht, ich danke Ihnen, ich werde in der Angelegenheit nichts unternehmen. Er ermächtige mich dann noch, den betr. Bürger nach 2 Jahren von der Angelegenheit zu unterrichten und ihm zu sagen, dass ich ihm das Grundstück erhalten habe.
Gelegentlich einer Haushaltsbesprechung, kurz nach seiner Amtseinführung, kamen wir auf Weltanschauung, Religion und Kirche zu sprechen. Ich verteidigte meine Kirchenzugehörigkeit, also christliche Auffassung, während Bürgermeister Raapitz seine nationalsozialistische Weltanschauung vertrat. Die Aussprache beendete Bürgermeister Raapitz mit den Worten: „Bleiben Sie was Sie sind, ich bleibe was ich bin, im übrigen sind wir heute gute Kameraden geworden“. Ein engstirniger Parteibuchbeamter hätte sich niemals Andersdenkenden gegenüber so verhalten.
Die Richtigkeit der vorstehend geschilderten Tatsachen versichere ich hierdurch an Eides Statt.

Gerhard Gosejacob

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