Stolpersteine – Allgemeine Informationen

VON SVENJA SCHWARTING

Die Stolpersteinaktion

In der letzten Zeit liest man in Zeitungen wiederholt von der Aktion „Stolperstein“. Diesen Begriff hat fast jeder schon einmal gehört oder ist selbst über einen„gestolpert“. Die Stolpersteine werden in immer mehr deutschen Städten zur Erinnerung an die ermordeten Opfergruppen des Nationalsozialimus verlegt.
Nicht nur Großstädte sondern auch kleine Orte haben die Möglichkeit, solche Mahnmale verlegen zu lassen, in Bad Bentheim hat diese Aktion wiederholt stattgefunden.

Begriffserklärung
Der Name der kleinen Gedenksteine, Stolpersteine, ist nicht nur ein Name, sondern beschreibt gleichzeitig den Sinn. Man „stolpert“ sozusagen über diese Steine auf dem Gehweg vor den Häusern, in denen die Opfer gelebt haben. Die Steine sollen aufzeigen, dass die Opfer des Holocaust mitten unter uns gelebt haben und nicht am Rande der Gesellschaft.
Stolpersteine sind kleine, zehn mal zehn Zentimeter große Steine aus Beton mit einer Messingplatte, die zum Gedenken deportierter Juden direkt vor Ort verlegt werden.
Sie sind in einer Stadt nicht an einem zentralen Ort zu finden, sondern auf verschiedenen Stellen, an denen damals Juden gewohnt haben
Durch diese notwendige Verbeugung unterbrechen Stolpersteine die Handlung eines Menschen, um auf ihren Sinn aufmerksam zu machen. Sie dienen zum Denkanstoß, bringen durch ihren Charakter den Menschen zum Nachdenken und erinnern an die Namen der Opfer und ihre Schicksale.

Der Künstler Gunter Demnig
Gunter Demnig, der Gründer der Stolperstein-Aktion, wurde 1947 geboren und wuchs in Nauen und Berlin auf. Nach seinem Abitur 1967 studierte er Kunstpädagogik, Industrial Design, Freie Kunst und legte sein Staatsexamen für Bildende Kunst und Werken an Gymnasien ab.
Im Jahre 1990 fand sein erste Aktion zur Erinnerung der in Köln deportierten Juden statt. 1993 entwickelte er den ersten Entwurf zum Stolperstein-Projekt, das 1997 zum ersten Mal umgesetzt wurde. Die ersten Stolpersteine wurden in Berlin-Kreuzberg, zunächst ohne Genehmigung der Stadt und Anwohner, durch Gunter Demnig verlegt, jedoch nach einiger Zeit legalisiert.
Durch sein großes Engagement erhielt Demnig im Jahre 2004 den Max-Brauer-Preis der Alfred Toepfer Stiftung FVS in Hamburg und dir Herbert-Wehner-Medaille der Gewerkschaft Verdi. 2005 wurde ihm der German Jewish History Award der Obermayer Foundation verliehen.

Stolpersteine in Deutschland und im Ausland
Von 1993 bis 2007 hat Gunter Demnig inzwischen rund 12.500 Stolpersteine in etwa 277 Städten und Gemeinden eingesetzt und es werden in Zukunft weitere Stolpersteine verlegt.
In Ungarn, wo schätzungsweise 600.000 Juden ermordet wurden, begann Demnig 2007 mit der Verlegung von 13 Stolpersteinen, von denen acht in Budapest verlegt wurden.
Auch in den Niederlanden war Demnig aktiv und die Stadt Borne, nahe der deutschen Grenze, erhielt 2007 die ersten Stolpersteine
Aufgrund der starken Popularität des Projektes kommen ständig weitere Stolpersteine hinzu, und nach Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden sind weitere Aktionen in Länder der EU geplant.
In Bad Bentheim wurden bis heute in drei Aktionen seit 2006 insgesamt 57 Stolpersteine öffentlich verlegt.

Von der Herstellung über die Verarbeitung zur Verlegung
Zur Herstellung der Stolpersteine wird von Gunter Demnig zunächst ein Betonstein mit zehn mal zehn Zentimetern Kantenlänge benötigt, auf dem dann eine Messingplatte befestigt wird. Auf dieser Platte werden nun die folgenden Daten der ermordeten Juden eingraviert:
– Namen
– Geburtstag
– Datum und Ort der Ermordung

Die Daten erhält Demnig von den Behörden in den jeweiligen Orten der Verlegungsaktion. Bei fehlenden Informationen stellen die Datenbanken der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem und Staatsarchive eine Recherche-Hilfe zur Erlangung der benötigten Daten dar.
Ist der Stolperstein fertiggestellt worden, wird er von Gunter Demnig persönlich am Aktionsort verlegt. Bei der Verlegung werden zunächst an der Stelle, an der die Stolpersteine ihren Platz finden sollen, die Bodenplatten oder die Gehwegsteine herausgehoben. Um die Stolpersteine möglichst tief einsetzen zu können wird der Beton darunter zusätzlich mit einem Presslufthammer ausgestemmt. Danach werden kleinere Betonsteine in die Mulde gesetzt, wobei für die Stolpersteine Platz freigelassen wird. In die Zwischenräume werden dann die Stolpersteine eingesetzt und mit einem Hammer im Boden verfestigt. Entstandene Fugen zwischen Stolpersteinen und Betonstein werden mit Zementmörtel aufgefüllt und verdichtet, wodurch sie fest verbunden sind und nur mit Gewalt herausgebrochen werden können.
Standartgemäß werden Stolpersteine auf diese Weise verlegt, es sei denn die Bodenbeschaffenheit lässt dies nicht zu.

Organisation und Zeremonie der Verlegung
Gunter Demnig verlegt die Steine auf Anfrage von Gemeinden, Initiativen, Schulen, Angehörigen und Hinterbliebenen. Diese wenden sich an den Künstler und übernehmen eine Patenschaft für einen Stein mit einer einmaligen Gebühr von 95€, haben allerdings nach der Verlegung keine Verpflichtungen mehr.
Jedoch lehnen Städte diese Stolpersteine aus unterschiedlichsten Gründen ab. Der Vergleich mit einem „Walk of Fame“ in Hollywood, ist das meistverwendete Argument für die Ablehnung der Stolpersteinaktion.

Die Patenschaft der Stolpersteine wird meist von Schulklassen oder Schulprojekten übernommen, die sich mit der Judenverfolgung im Nationalsozialismus befassen und sich engagieren. Die Paten nehmen vor der Verlegung Kontakt mit der Stadt auf, um die Genehmigung einzuholen, eine solche Aktion durchführen zu können.

Zusätzlich müssen die Bewohner des Gebäudes des zugehörigen Gehwegs ihr Einverständnis zur Verlegung geben.
Stößt diese Aktion auf Ablehnung, kann einer Verlegung der Steine nicht durchgeführt werden.
Ist die Verlegung genehmigt, reist Demnig für etwa zwei Tage an und übernachtet bei einem der Organisatoren.
An der Zeremonie können neben den Paten alle Bürger der Stadt teilnehmen und Zeitzeugen, Ehrenbürger und Bürgermeister werden persönlich eingeladen.
Am Abend vor der Verlegung findet häufig eine Informationsveranstaltung statt, auf der auch
Gunter Demnig eine kleine Ansprache über die Verlegung der Stolpersteine und die Organisation der Verlegung hält.
Die Verlegung selbst findet meist unter großem Interesse und Anteilnahme der Bevölkerung und Presse statt und nach kurzen Ansprachen verlegt der Künstler Demnig die Stolpersteine, die anschließend Eigentum der Stadt oder Gemeinde sind.

Kritiker und Befürworter
Obwohl die Bevölkerung überwiegend das Stolperstein-Projekt unterstützt und zahlreich bei der Verlegung erscheint, gibt es wie bei jedem Projekt auch hier Kritiker und Gegner.
Die Präsidentin des Zentralrats der Juden und Deutschland, Charlotte Knobloch, halte eine solche Art eines Denkmals als unerträglich, die Namen der ermordeten Juden auf Tafeln zu lesen, die in den Boden eingelassen sind und auf denen mit Füßen „herumgetreten“ werde.
Sie wisse, dass die Gedenksteine ein Zeichen für die Anteilnahme seien und toleriere die Meinung anderer hierzu. Allerdings sei dies nicht die richtige Art und Weise, da die Opfer ihrer Meinung nach nicht die angemessene Würdigung erhielten.
Auch die Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde für Göttingen und Südniedersachsen, Eva Tichaues Moritz, übt scharf Kritik an den Stolpersteinen. Ihrer Meinung nach würden die Stolpersteine auf dem Boden bedeuten, dass sie mit Füßen getreten und vielleicht bespuckt, mit Kaugummi überklebt und verdreckt werden.
In ihrer eigenen Familie sind während der NS-Zeit 19 Familienmitglieder umgekommen und sie könne es nicht akzeptieren, dass ihre Namen i Steine eingraviert auf der Straße lägen. Vielmehr sollten ihrer Meinung nach die Gedenktafeln an die Häuserwände angebracht werden.
Schon vor Beginn des Projekts war Gunter Demnig klar, dass nicht jeder mit der Verlegung von Stolpersteinen einverstanden sein würde und sich Bürger sowie Kommunen und einige Politiker dagegen sträuben würden.
Am Anfang seines Projekts wollte Demnig Gedenktafeln an die Häuser anbringen, es gab jedoch Widerstand von den Eigentümern. So entschied er sich für die Stolpersteine auf den Gehwegen und ruft so eine Verbeugung vor den Opfern hervor.

In Bad Bentheim sind keine Kritiker der Stolpersteine bekannt. Die Aktion wurde von Teilen der Bevölkerung, die die Patenschaft übernahmen und den Politikern unterstützt. Auch Zeitzeugen wie Frau Wertheim, Jüdin aus Gildehaus, und Herr Kohlhoff, ehemaliger Nachbar der Familie Goldsteen, unterstützen durch ihre Anwesenheit bei der Zeremonie die Stolperstein-Aktion und bestärken die Aktion positiv.

Vandalismus
Teilweise kam es in einigen deutschen Städten zu Vandalismus an Stolpersteinen. Die Steine wurden beschmutzt oder die Inschrift unkenntlich gemacht.
So wurden im März 2008 in Stuttgart nach der Verlegung von 70 Steinen zwei mit Farbe beschmiert und Unbekannte sprühten auf den Gehwegen den Schriftzug „Stoppt Israel“. Es wird vermutet, dass die Täter aus der rechtsextremen Szene stammen oder Islamisten seien, die gegen die israelische Politik kämpfen.
Ein weiterer Vorfall ereignete sich in Berlin-Kreuzberg, wo mehrere Jugendliche dabei erwischt wurden, wie sie mit einem herausgebrochenen Stolperstein Fußball spielten. Als die Polizei eintraf, waren sie jedoch schon wieder verschwunden.
Zwar sind dies erschreckende Beispiele für den Vandalismus an Stolpersteinen, aber es handelt sich um Einzefälle. Demnig selbst denke, der Vandalismus halte sich in Grenzen.
In bad Bentheim und Gildehaus sind keine Fälle von Vandalismus bekannt, allerdings wurden Stolpersteine in Gildehaus mehrmals von Unbekannten mit Sand verdeckt.
Zwar waren dies Ausnahmen, aber die Bürger waren dennoch entsetzt und entfernten den Sand, um die Steine wirde freizulegen und sichtbar zu machen.

Nachahmungen der Stolpersteine
Seit Beginn der Stolperstein-Aktion haben viele Künstler versucht, das Projekt nachzuahmen, was nicht immer gelang und teilweise auch auf Protest stieß.
Das Projekt „Auf Augenhöhe“ des Buchautors und Historikers Egon Heeg bringt, so wie Demnig es erst umsetzen wollte, Gedenktafeln an die Häuserwänden auf.
Heegs Projekt findet jedoch keinen großen Anklang, da die Plaketten Praxisschildern an den Häuserwänden ähneln.
Viel Aufsehen erregten die „Schmunzelsteine“ in Leichlingen nahe Leverkusen, die leicht mit den Stolpersteinen zu verwechseln sind. Der Ehrensenator Rainer E. Finke des Festkomitees Leichlinger Karneval, hatte die Idee auf diese Weise verstorbenen Karnevalisten zu Gedenken. Im Unterschied zu den Stolpersteinen verläuft die Inschrift auf den „Schmunzelsteinen“ nicht gerade, sondern diagonal und se sind auf einem freien Platz verlegt und nicht vor Häusern. Gunter Demnig hält die Schmunzelsteine für Plagiate. Es selbst unternahm jedoch nichts gegen die Nachahmungen, obwohl er mit einem solchen Vorgehen nicht einverstanden was.
Am 12.2.2008 wurden die Schmunzelsteine von den Mitgliedern des Leichlinger Festkomitees wieder entfernt und sollen nun verändert werden, um eine Verwechslung mit den Stolpersteinen auszuschließen.
Auch in Zukunft sind Nachahmungen nicht auszuschließen. Demnig sieht aber keinen Grund, sich darüber Gedanken zu machen und wird auch zukünftig keine juristischen Wege einleiten um solche Nachahmungen zu unterbinden.

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