Feiern und Feste im Dienste der NS-Propaganda

VON INA STEVEKER

Die Kult- und Feierformen des Nationalsozialismus sollten in erster Linie eine emotionale Wirkung hervorrufen. Der NS-Kult sollte dadurch in den Alltag der Menschen hineinwirken und ihn weitestgehend bestimmen. Um wirklich alle Menschen damit erreichen zu können, wurden nicht nur Massenveranstaltungen in Großstädten organisiert, sondern Feste und Veranstaltungen wurden auch auf lokaler, regionaler Ebene nachgeahmt. Solche Feste wurden meist mit Aufmärschen und Paraden zelebriert und dienten hauptsächlich der Selbstdarstellung der Partei. So waren nicht einmal die Reichsparteitage im September zur Besprechung politischer Probleme vorgesehen, sondern im eigentlichen Sinn zur Propaganda für die NSDAP. Die Wirkung solcher Veranstaltungen sollte sein, eine Hochstimmung im Volk hervorzurufen, welche jedoch, genau wie die Propaganda, durch die Alltagsprobleme meist wieder verdrängt wurde.

Feste und Feiertage allgemein:
-30.01.: Tag der Machtergreifung
-Ende Feb.: Parteifeiertag
-März: Heldengedenktag
-20.04. Geburtstag des Führers, Aufnahme der 14-jährigen in die Hitlerjugend
-01.05.: Maifeiertag, Tag der Arbeit
-September: Reichsparteitage der NSDAP
-Anfang Okt.: Erntedankfest
-09.11.: die Niederlage von 1923 sollte in einen Triumph verwandelt werden

Zudem feierten die Nationalsozialisten ebenfalls im großen Stil jährlich die Sommersonnwende am 24. Juni. Damit wollten sie an eine altgermanische Tradition anknüpfen.
Über die Sonnwendfeier in Bad Bentheim berichtet ein Artikel aus der „Bentheimer Zeitung“ vom 26.06.1933 (vgl. blog)

Literatur: Thamer, Hans-Ulrich: Ausbau des Führerstaates. In: Information zur politischen Bildung Nr. 266/2000. S. 21.

Advertisements

Ein Zeitungsartikel über die Sonnwendfeier 1933 in Bad Bentheim

Aus der Bentheimer Zeitung vom 26.06.1933:
ABGETIPPT VON FELIX RODER

Die Sonnenwendfeier auf der Freilichtbühne Bentheim
Eine große, wirkungsvolle Kundgebung der NSDAP.

Unaufhörlich prasselt der Regen hernieder, als der Sonnabend, der „Tag der Jugend“ anbricht. Während des ganzen Vormittags hält der Regen an, und die vorgesehenen Wettkämpfe der Jugend der Vereine müssen ausfallen und auf einen anderen Tag verlegt werden. Am Nachmittag aber klärt sich der Himmel erfreulicherweise auf, der Regen läßt nach und es bleibt trocken. Die Freude darüber war nicht gering, war doch für den Abend die große Sonnenwendfeier der NSDAP. auf der Freilichtbühne vorgesehen. Schon lange vor Beginn der Veranstaltung setzte der Zustrom zur Freilichtbühne ein. Als dann aber die SA., die Motor-SA., die NSBO., der NS. Eisenbahnerverein, der NS. Zollbeamtenverein, die Hitlerjugend, das Jungvolk und die vielen Parteimitglieder aus Bentheim und der näheren Umgebung in geschlossenem Zuge eintrafen, war die Bühne voll gefüllt. Für die immer noch zuströmenden Menschen räumte die Hitler-Jugend gern den Platz und gesellte sich zu den SA.-Leuten am Rande der Felsen. Zu den vielen Festteilnehmern gesellten sich, freudig begrüßt, Gau-SA.-Führer Herzog, Oldenburg, Standartenführer Bernink, Lingen, und Kreisleiter Dr. Ständer, Gildehaus. Auch der Stahlhelm B. d. F. Ortsgruppe Bentheim traf auf der Feilichtbühne ein, um der Feier beizuwohnen. Ueber die Bühnen wehten die Fahnen des erwachten Deutschlands und davor leuchtete ein riesiges Hakenkreuz auf, das sich im Wasser wiederspiegelte. Die Gau-SA.-Kapelle Weser-Ems, Oldenburg, unter Leitung von Gaumusikzugführer D. Entelmann, intonierte die Flaggenparade und unter ihren Klängen marschierten die Fahnen ein und nahmen vor der Bühne Aufstellung. Dann begann die eigentliche Feier, zu der der Reserveführer Aug. Woltmann die Anwesenden herzlich willkommen hieß. Ein Böllerschuß und das Aufsteigen von Leuchtkugeln waren das Zeichen. Die Kapelle spielte den Armeemarsch Herzog von Braunschweig, den Paradenmarsch der 78er. Dann sprach Carl-Werner Müller mit rechter Betonung den von SA.-Mann Aug. Menebröker verfaßten Vorspruch

„Ein Volk, ein Gott, ein Vaterland“

Es lebte einst ein Volk auf dieser Erden,
Ein Volk, das groß und mächtig war und stark.
Solang die Einigkeit die Stämme kettete,
Mußt’ selbst der stärkste Feind sich beugen vor dem Cherusker.
Dann ward es uneins – Volk stand wider Volk,
Und dieser stolze Bau, von eines Meisters Hand gefüget,
Zerschmetterte sich selbst durch seiner Zwietracht Gift
Zu einem öden Trümmerhaufen – ein Gebild von
[Menschen. –
Dies kühne Volk, von dem ich jetzo spreche,
Sind dein und meine Ahnen, uns’re Väter.
Drum wachet, deutsche Brüder, lernt aus der Geschichte,
Daß nur die Einigkeit und Treu zum Siege führten. –
Was wir erlebt, war Chaos, Schmach und Tyrannei;
Der Mensch, der Weltenschöpfung gold’ne Krone,
Gebärdete sich feiger als das Tier,
Der Bruder streckte seinen Bruder heimlich nieder,
Der Sohn den Vater und das Weib den Mann. –
Mein deutsches Volk, wie tief warst du gesunken !
Wo blieben deine Tugenden und Sitten,
Die so gerühmt von deines Geistesgrößen?
Nur einer hielt sich fern von diesem Treiben:
Der junge deutsche Führer, Adolf Hitler;
Er ging ins Volk und riß es mit sich fort,
Und Deutschland brach die harten Sklavenketten:
„Tod oder Freiheit schallt’s von Mund zu Munde,
Es naht der Rache heißersehnte Stunde,
Die Faust geballt, das Vaterland zu retten.“ –
Hoch oben in dem Norden glüht ein Licht,
Entzündet von der neuen deutschen Jugend,

Das bald das ganze Volk erfassen wird
in einer allgewaltig-großen Flamme !
Dann wird es in den Seelen hell, das Volk erwacht !
Das Volk ist eins ! Die Fesseln fallen nieder,
Und tiefer Frieder schlummert in den Herzen !
Der Bauer pflüget hoffnungsvoll die Scholle,
Getrosten Mut’s steigt in den ruß’gen Schacht der
[Bergmann,
Der Krieger greifet freudig zu dem Schwerte:
Er weiß, wofür er lebt, er weiß, wofür er stirbt.
Dann ist das Wort des alten Kanzlers wahr geworden:
Die Deutschen fürchten Gott, sonst nichts auf dieser Welt !!!

Es folgt dann ein Liederpotpourri in schneidiger Weise gespielt von der Kapelle. Der Männergesangchor brachte sehr wirkungsvoll „Es geht bei gedämpfter Trommelklang“ und „Die Fahne hoch“ unter großem Beifall zu Gehör. Sehr viel Anklang fanden auch die Fanfarenmärsche der SA.-Kapelle. Eigens zu dieser Feier verfaßte der SA.-Mann Aug. Menebröker einen Sprechchor mit Musikbegleitung. „Deutsche Sonnenwendfeier 1933“, der in ergreifenden Worten zur Freiheit, zum Kampf gegen Ketten und Schmach ruft und gipfelt in dem Ausruf: Deutschland, werde frei! Während dann ein nationalsozialistisches Liederpotpourri erklingt, leuchtet hoch oben auf dem Felsen heller Lichtschein auf. Weißgekleidete Turner erscheinen und zeigen ein Fackelschwingen nach dem Takt der Musik – ein erhebender Anblick. Noch ist nicht der Beifall verklungen, der den Turnern zuteil wurde, da ziehen unten vor der Bühne in langen Reihen die Mädel vom B.d.M. zum Fackelreigen auf. Helle Begeisterung löst die Vorführung aus, als die Gruppen bei dem Gesang des alten Sonnenwendliedes „Flamme empor!“ ein leuchtendes Hakenkreuz bilden. Die Mädel klettern den Berg hinan und bringen mit den Resten der Pechfackeln den Holzstoß auf der Höhe zur Entzündung.
Als die Flammen des Sonnenwendfeuers emporlodern als uraltes Symbol der Reinheit, der erneuernden Kraft und der tatdrängenden Begeisterung, ergreift SA.-Gauführer Herzog, Oldenburg, das Wort zu einer markigen Feuerrede. Er weist darauf hin, daß heute von allen Bergen Deutschlands die Flammen der Sonnenwendfeier zum Himmel steigen, daß nach Nacht und Finsternis doch immer wieder Licht werde, daß auch für ein Volk nach schweren Jahren wieder bessere Zeiten kommen, wenn es wieder zurück zur Natur finde. Wir könnten Gott dankbar sein, daß uns ein Mann erstand, der uns zurückführt zu uns selbst, der uns von allen Fremden frei macht. Zum Schluß seiner Ausführungen spricht er die Hoffnung aus, daß ein Funke von dem Geiste, der den heutigen Abend beseelt, in uns nachglimmen möge, damit das Volk immer mehr erwacht. Die Rede klang aus in dem gemeinsamen Gesang des Deutschlandliedes.
Einen würdigen Abschluß fand die erhebende Sonnenwendfeier durch die Rütliszene, den Rütlischwur aus „Wilhelm Tell“: „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern ….“ Zum Abschluß wurde das Freiheitslied des neuen Deutschlands, das Horst-Wessel-Lied, gesungen.
Als die leuchtende Pracht zu Ende war, strömten die Massen zur Stadt zurück. Die SA., Motor-SA., NSBO., Hitlerjugend und das Jungvolk und die übrigen nationalsozialistischen Verbände marschierten unter Vorantritt der Kapelle geschlossen ab. Der herrlichen, erbauenden Feierstunden auf der Freilichtbühne werden sich gewiß alle stets gern erinnern.
Für ein paar Tage liegt die Bühne noch verlassen da, dann aber wird dort wieder ein reges Leben und Treiben einsetzen, denn schon am kommenden Mittwoch nimmt die Aufführung des „Wilhelm Tell“ ihren Anfang. Hoffentlich dürfen sie sich eines recht guten Besuches erfreuen.